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Klaus Honnef
Jede Fotografie ein Bild


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Jede Fotografie ein Bild.
Siemens Fotosammlung

Von Klaus Honnef

Flach wie farbige Schnipsel aus Papier wirken der Mann, die Frau und der Junge im Outfit der Mittelklasse. Sie blicken aus dem Schaufenster eines Schnellimbiss´ in Jersey City auf die schäbige Realität einer Autobahn und ihre trostlose Lagerarchitektur. Die Kamera des Künstlerfotografen Dan Graham hat sie von hinten erfasst. So dienen sie zugleich als Stellvertreter für die Betrachter seiner Bilder. Und wenn diese unter den über dreihundert Aufnahmen als Besucher der Ausstellung „Jede Fotografie ein Bild“ in den hohen, hellen Räumen der Pinakothek der Moderne in München endlich auf Grahams Werk stoßen, erscheint ihnen die ganze Welt ähnlich trist wie die Sicht aus dem Schaufenster des Schnellimbiss´ in dem Nest namens Jersey City.

Aus der Perspektive lichter Museumsgipfel charakterisiert man die vom amerikanischen Bildautor aufgeblendete Szenerie gerne als Wirklichkeit. Zumal die Fotografie, das Mittel, das sie zur Erscheinung bringt, verbreiteter Ansicht zufolge in besonderem Maße in das Gewebe der sichtbaren Realität verwickelt ist. Tatsächlich gelangten die zuvor in den Bildkünsten vernachlässigten Schattenseiten des Lebens weitgehend durch das technische Medium in die Wirklichkeit der Bilderwelt. Nicht nur die Elitekunst früherer Zeiten hat sie mit Fleiß ignoriert – selbst die kommerziellen Bildkünste des Jahrmarkts verzichteten darauf, die dunklen Ecken auszuleuchten. Es sei denn, sie besaßen die anziehende Qualität aufpeitschender Spektakel wie Mord und Totschlag, Fremdgehen und Hexerei, öffentliche Verbrennungen oder äquivalente Hinrichtungsarten.

Zwar hat sich auch die Hochkunst gelegentlich über die Niederungen des Daseins gebeugt. Doch weder um darüber zu informieren noch sie engagiert als ungerecht anzuprangern, sondern eher zum Ergötzen ihrer betuchten, frühbürgerlichen Käufer. Die pöbelnden, saufenden und hurenden Bauern der niederländischen Genremaler des 17. Jahrhunderts amüsieren immer noch das Publikum der großen Kunstmuseen. Sie leben in den fotografischen Bildern fort, die der britische Starfotograf Martin Parr von seinen urlaubenden Landsleuten aufgezeichnet hat, wie sie sich vor den riesigen Raupen von Baggern sonnen oder um Fish und Chips balgen. Andererseits aber eröffnete ihnen erst die Fotografie, Symptom und nicht Motor umwälzender gesellschaftlicher Entwicklungen, die Möglichkeit, auch ihre Sicht der Dinge zu veranschaulichen. Nicht grundlos billigte die Fotografin und Kultursoziologin Gisèle Freund dem Medium demokratisierende Züge zu.

Ob der Blick der Bildakteure der geringer verdienenden Bevölkerungsschichten auf die sicht- und erfahrbare Realität mit der Perspektive der drei Kuratoren der Ausstellung in der bayerischen Metropole identisch ist, darf füglich bezweifelt werden. Gleichwohl definiert einer von ihnen, Thomas Weski, die hier gezeigte Form der Fotografie als „wirklichkeitsbeschreibend“. Dabei orientiert er sich an einer Aussage der amerikanischen Kunsthistorikerin Svetlana Alpers. In ihrem umstrittenen Buch „Kunst als Beschreibung“ traf sie die Unterscheidung zwischen einer vorwiegend auf konkreten Wahrnehmungsergebnissen beruhenden Malerei des „Goldenen Zeitalters“ in den Niederlanden und der dramatisierenden, „theatralischen“ sowie vielfach verschlüsselten Malerei der italienischen Renaissance. Es überrascht deshalb auch nicht, dass sein Partner Ulrich Bischoff im opulenten und bestens gedruckten Katalogbuch der Schau (DuMont Verlag) einzelne der fotografischen Bilder vor den Richterstuhl der Kunst zitiert, von Caspar David Friedrich über van Gogh bis Luc Tuymans, um die Fotografie neuerlich ästhetisch zu legitimieren. Offenbar gehen die Uhren in Bayern anders als sonst in der Republik, wo fotografische Bilder längst die Galerien und Museen überschwemmen.

Um dem Vorhaben einer Promotion der Fotografie zur Kunst zu entsprechen, ist die Ausstellung „Jede Fotografie ein Bild“, die mit fast jedem Werk ihren Titel dementiert, nach den überlieferten Gattungen der Kunstgeschichte gegliedert. Im Zweig „temporär 1“ das „Porträt“ und die „Landschaft“, im Flügel „temporär 2“ Stilleben und Historie. Vor allem letztere Kombination wirkt seltsam bizarr. Die gute Nachricht ist indes: Die besten fotografischen Bilder und Bildverbände lassen den untauglichen Versuch, die künstlerische Fotografie seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in ein antiquiertes kunsthistorisches Korsett zu pressen, hoffnungslos scheitern. Vielleicht, weil in ihnen trotz musealer Erhöhung wenigstens noch Bruchstücke der Realität aufblitzen? Zum Beispiel das absurde Golfspiel der in Käfigen gesperrten Japaner vor einer Hochhauskulisse in Andreas Gurskys formidablem Bild „Osaka“, das Großstadtgewusel in Lee Friedlanders raffinierten Straßenfotografien, die beklemmend kahlen Räume in Laurenz Berges‘ farbigen Interieurs, welche einst die sowjetische in der DDR bespielt hat – freilich nur durch die Bildlegenden verifizierbar –, das pubertierende Mädchen aus gutem Hause in Rineke Dijkstras bemerkenswertem Porträt aus dem Berliner Tiergarten oder die sagenhafte Wut demonstrierender amerikanischer Arbeiter in Garry Winogrands schwarz-weißen „Schnappschüssen“. Über solche Bilder hätte man gerne mehr erfahren als die karge, auf künstlerische Autonomie pochende Präsentation preisgibt, mehr über ihre Voraussetzungen und Hintergründe.

Das Fundament der Ausstellung bildet die sogenannte „Siemensfotosammlung“, die Weski und Bischoff während zehn Jahren kundig aufgebaut haben. Die liefert gleichfalls die Basis für die fotografische Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne. Obwohl die rund 860 Bilder durchweg von den üblichen Verdächtigen des Kunstbetriebs stammen, krankt die repräsentative Auswahl, die merkwürdigerweise steriler anmutet als eine erweiterte im begleitenden Prachtband, am Zuviel von Kunst und Zuwenig von Fotografie und verfehlt einen wesentlichen Punkt der gesteckten Aufgabe. Ihr Problem: Sie „beschreibt“ ausgiebiger als die empirische Realität das Wirklichkeitsbild einer einflussreichen Gruppe von Promotoren der Kunstfotografie, die nicht begreift, dass die Fotografie den Begriff der Kunst tiefgreifend verändert hat. Für die kluge und engagierte Museumskuratorin Inka Graeve Ingelmann bleibt noch eine Menge zu tun, um zu erreichen, dass die Sammlung wirklich den Blick auf die vielfältigen Aspekte der Realität und ihre offenen und geheimen Widersprüche erlaubt.

 
 

 

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© 18 January 2005 Deutsche Fotografische Akademie

   

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